Freitag, 16. September 2016

Wie mich Indonesien verändert hat.

Ende September jährt sich meine Ankunft in Indonesien zum dritten Mal. Die letzten drei Jahre habe ich zu einem Großteil nicht in Deutschland verbracht. Wahnsinn, wie schnell die Zeit vergeht! Dabei fühle ich mich noch immer neu hier, verstehe vieles nicht und mein Indonesisch könnte wirklich besser sein. Es gibt noch viel zu lernen und das hört auch nicht wieder auf. 
Doch was macht das mit einem, wenn man so viel Zeit fern der Heimat verbringt? Jeder ist da natürlich ein bisschen anders. An mit jedenfalls konnte ich einige interessante Entwicklungen beobachten. Und die will ich euch natürlich nicht vorenthalten!

Westliches Essen wird zum Luxusgut.
Indonesisches Essen ist lecker, keine Frage. Doch gerade als Vegetarierin ist die Auswahl begrenzt und irgendwann stellt sich Eintönigkeit ein. Wenn nicht einer von uns zu Hause kocht, holen wir entweder ein Bungkus (Essen zum Mitnehmen) oder essen auswärts, das ist billig und schnell und man muss nicht abwaschen. Meistens gibt es für mich Reis mit Zeug oder gebratenen Reis oder auch mal Nudeln oder Kwetiau. Westliches Essen wie Stulle oder Pizza oder einfach mal ein Joghurt zwischendurch ist etwas ganz besonderes und wird für herausragende Anlässe reserviert. Das hat auch finanzielle Gründe. Gerade Milchprodukte, aber auch andere westliche Lebensmittel sind teuer in Indonesien und haben oft nicht die Qualität, die man als verwöhnte Deutsche so gewohnt ist. Gelatine im Naturjoghurt? Käse, der wie Seife aussieht und nicht schmilzt? Brot aus superweißem Weißmehl mit süßer Füllung? Kann man alles haben. Dafür umso andächtiger der Moment, wenn ich mal richtigen Käse ergattert habe oder wir uns zum Geburtstag eine Pizza gönnen. Käsekuchen! Brot aus Vollkornmehl! Manche Leckerei habe ich schon so lange aufgehoben und aufgespart, dass sie mir am Ende verschimmelt ist, das war dann natürlich ärgerlich, dann hat man auch nichts mehr von. Also lieber gleich genießen. Apropos, ich hab da noch Schokolade im Kühlschrank…! Und zum Glück habe ich tolle Eltern, die mich mit Käsebroten und Club Mate vom Flughafen abholen!

Als ich in Deutschland war, um die Masterarbeit zu schreiben, habe ich meinen Appetit nach den in Indonesien unerreichbaren Lebensmitteln so richtig ausgelebt. 

Window-Shopping bei dm
Ich vermisse Naturkosmetik. Sehr. Die westliche Kosmetikindustrie hat Indonesien voll im Griff, während gleichzeitig das Wissen um die traditionelle Herstellung von Kosmetika verloren geht. Ist in Deutschland ja auch nicht anders. Die großen Marken kriegt man hier alle. Aber ich will die nicht. Meine Badewasser fließt ungefiltert oder -geklärt in den Fluss und mit dem werden Reisfelder bewässert. Was die Natur nicht abbauen kann, landet also irgendwann wieder auf meinem Teller. Ein Löffelchen Silikone gefällig? Und so klicke ich mich immer mal wieder durch die Onlineshops von dm und Co. und fülle imaginäre Einkaufskörbe. Zum Glück habe ich noch kleine Vorräte an Naturseifen und Cremes und meine lieben Eltern schicken regelmäßige Carepakete, so dass die Sehnsucht sich in Grenzen hält.

Deutsche Musik in meiner Playlist.
Mein Musikgeschmack ist sehr durchmischt, doch seit ich in Indonesien bin, ist eine eindeutige Tendenz zu deutschsprachigen Interpret*innen erkennbar: Je länger ich hier bin, desto öfter höre ich mir Songs von Joint Venture, Keimzeit oder Herbert Grönemeyer an. Bei Büchern ist das anders, die lese ich immer lieber in Originalsprache und ich schreibe und lese täglich auf Deutsch, aber deutsche Gesprächspartner*innen sind selten (die Katzen antworten nicht) und wahrscheinlich übernehmen Sängerinnen und Sänger gerade diese Rolle für mich.

Meine Heimatstadt nimmt auf einmal eine völlig neue Rolle ein.
Wo ich herkomme, war eigentlich nie von herausragender Bedeutung für mich. Ich bin in Magdeburg geboren und aufgewachsen, da kam ich halt her, aber es gab keine großartigen Heimatgefühle. Nach dem Abi bin ich ohne Probleme weggezogen und habe mich an anderen Orten heimisch gefühlt. Auch jetzt ist das grüne Haus in Jogja "zu Hause", aber aus einem merkwürdigen Grund sind mir meine Wurzeln auf einmal wichtig geworden. Ich lese Magdeburger Nachrichten, habe ein "Magdeburger Kind"-T-Shirt und mein Moped mit der Stadtsilhoutte beklebt. Keine Ahnung, wo das auf einmal herkam, diese Betonung auf meine Herkunft. Dabei sage ich gar nicht immer, dass ich aus Deutschland komme, wenn ich danach gefragt werde, sondern antworte auf "Asli dari mana?" (Woher kommst du ursprünglich?) lieber mit "Dari Eropa" (aus Europa).

Magdeburg auf meinem Moped.


Wertschätzung und Dankbarkeit.

Reisen verändert. Woanders wohnen auch. Schon nach kurzer Zeit in Indonesien wurde mir bewusst, wie unglaublich gut es uns Europäern geht. Wie reich wir sind. Wie selbstverständlich für uns so viele Dinge sind, die überhaupt nicht selbstverständlich sind. Trinkbares Leitungswasser, stabile Stromversorgung, existierender Nahverkehr, vergleichsweise sicherer Straßenverkehr und bessere Bildung. Wenn wir keine Arbeit haben, gibt es Unterstützung, niemand wird im Krankenhaus abgewiesen, weil er oder sie kein Geld hat und wir können offen unsere Meinung äußern. Natürlich kann man alle diese Punkte mit einem "aber" abschmettern machen. Natürlich gibt es Armut und Dreck und Hässlichkeit in Deutschland und Menschen, denen es schlecht geht, die leiden, die Diskriminierung ertragen müssen, die durch die Maschen gefallen sind. Das will ich nicht bestreiten. Und es geht auch keinem hungernden Kind irgendwo auf der Welt besser, wenn wir unser Abendbrot aufessen, anstatt die Reste wegzuschmeissen. Doch wenn wir einfach mal kurz innehalten und uns vor Augen führen, was wir alles haben, bleibt uns das "aber" im Hals stecken. Hier in Indonesien gilt meine helle Hautfarbe als Indikator für Reichtum. Klar bezahle manchmal mehr für mein Gemüse oder die Motorradreparatur, aber das bringt mich nicht um. Ich verdiene mein Geld in Euro, dass ich gewinnbringend in Rupiah umtausche, damit geht es mir gut und besser, als den meisten. Wir haben nicht viel, aber wir haben genug. Ein kleines Haus, fließend Wasser, nie Hunger, Internet, Krankenversicherung. Wir können sogar noch zwei Katzen mit durchfüttern. Dafür bin ich dankbar. Auch dafür, hier sein zu dürfen, einen deutschen Reisepass zu haben und damit problemlos beinah überall hin zu dürfen. Abgefahren, wie privilegiert ich bin, nur weil ich innerhalb bestimmter Grenzen geboren bin. Unfassbar eigentlich.


Und wie geht es weiter?


Ach, wie oft werde ich das gefragt: "Bleibst du jetzt für immer in Indonesien?". Nein. Und überhaupt, woher soll ich das denn wissen? Für den nächsten Frühling ist ein längerer Deutschlandbesuch geplant und langfristig werden wir wohl unseren Lebensmittelpunkt dorthin verlegen, aber dazu müssen noch andere Dinge geschehen, die ich hier noch nicht verraten will. Und außerdem müssen die Katzen mit! Wenn hier zufällig jemanden kennt, der jemanden kennt, der mal eine Katze aus Indonesien nach Deutschland gebracht hat: Ich bin für jeden noch so kleinen Tipp dankbar! 



Bis es soweit ist, gibt es noch vieles zu entdecken und zu erleben! 


Indonesien ist immer wieder für eine Überraschung gut!

1 Kommentar:

  1. Manche Dinge fallen einem erst auf, wenn man mal eine Außenperspektive einnehmen kann. Ich war noch nie so lange so weit weg (vier Monate Finnland, drei Jahre Franken) und damit auch nicht so großen Unterschieden ausgesetzt, aber in kleinen Teilen habe ich ähnliches bei mir bemerkt: stärkeres Hingezogensein zur Heimat(sstadt), Sehnsucht nach typischen Gerichten, stärkere Beschäftigung mit National-/Lokalstereotypen und inwieweit sie auf mich zutreffen. Das war spannend und ich möchte diese Erfahrungen nicht missen.

    Liebe Grüße,
    Sabrina

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